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Der Entourage Effekt – Definition und Bedeutung

Der Nutzen der Cannabinoide CBD und THC für medizinische Anwendungen ist unumstritten. In Deutschland kann Cannabis auf Rezept verschrieben werden und zahlreiche CBD-Produkte sind frei erhältlich. Doch in der Cannabsipflanze konnten weiter wichtige Inhaltsstoffe nachgewiesen werden, denen einzeln und in Kombination eine wichtige pharmakologische Rolle zugeschrieben werden kann. Welche Rolle spielt dabei der Entourage Effekt und wie wirksam ist die Kombination verschiedener Cannabisinhalststoffe.

Inhalt

Wie bei jedem therapeutischem Produkt, Nahrungsergänzungsmittel oder Lebensmittel ist es wichtig zu wissen, was es für Inhaltsstoffe enthält. Die meisten CBD-Öle zum Beispiel bestehen aus einem CBD-Extrakt, welches in einer Trägersubstanz aufgelöst wurde. Das wichtigste im Extrakt ist natürlich das Cannabidiol (CBD). Darüber hinaus finden wir aber auch weitere Substanzen wie die Cannabinoide CBDA, CBG, CBN oder Ätherische Öle – Terpene. Lange Zeit wurde viel Wert darauf gelegt, das die verwendeten Extrakte besonders rein sind, das heißt nach Möglichkeit nur CBD enthalten. Natürlich musste auch sichergestellt werden, das sich kein, oder nur ein sehr geringer Anteil des psychoaktiven Cannabinoids THC im Produkt befindet, da dies so von Gesetzgeber vorgeschrieben wird.

In den letzten Jahren werden aber auch vermehrt sogenannte Vollspektrum-Öle angeboten, Produkte die bewusst naturbelassen wurden und ein gesunden Mix an Cannabinoiden und weiteren Substanzen enthalten. Es konnte nachgewiesen werden, das es zu synergetische Wechselwirkungen zwischen den Inhaltsstoffen kommt und somit deren Wirkung verbessern werden kann kann. Dies wird auch als Entourage-Effekt bezeichnet.

 

Entourage-Effekt – Definition

Der Entourage-Effekt besagt, dass eine einzelne Substanz in Kombination mit anderen Inhaltsstoffen eine höhere Wirkung aufweist, als die isolierte Substanz selbst. Der Name wurde zum ersten mal in einer Studie gebraucht, um die synergetischen Wechselwirkungen von THC mit anderen Cannabinoiden zu beschreiben. Dabei ging es in erster Linie darum, wie Cannabidiol die psychoaktive Wirkung von THC mindern könnte. In einer weiteren Studie wurde untersucht, wie sich unterschiedliche Terpene auf die pharmakologische Wirkung von THC und CBD auswirken. Mittlerweile spricht man vom Entourage-Effekt, wenn man generell die positiven Wechselwirkungen der in der Cannabispflanze beinhalteten Stoffe beschreiben will.

 

Wechselwirkung von CBD und THC

Den größte Einfluss auf den Entourage-Effekt hat CBD, sagt der Psychopharmakologe Ethan Russo, Cannabisforscher im US-Bundesstaat Washington und medizinischer Direktor des biochemischen Forschungsunternehmens Phytecs. Eine der bedeutenden Eigenschaften von Cannabidiol ist es, bestimmten Effekten bei der Anwendung von THC entgegenzuwirken. Es ist bekannt, das CBD sich an CB1 Rezeptoren bindet und dadurch psychische Effekte oder die Appetitanregung gemindert werden können. Besonders die Verringerung des psychoaktiven Effektes ist für die Verwendung von Cannabis als Medizin unabdingbar. Dabei spielt auch die Konzentration der beiden Cannabinoide und Ihr Verhältnis zueinander (THC:CBD Ratio) eine Rolle. Dies ist besonders wichtig, wenn es um Empfehlungen der Dosis von Cannabispräparaten geht.

Russo, welcher viele Jahre bei GW Pharmaceuticals gearbeitet hat, behauptet das 10 Milligramm THC bei ungefähr 40 Prozent der Menschen möglicherweise eine toxische Psychose auslösen kann. Fügte man aber einen gleichen Anteil von CBD bei, hatten nur 4 von 250 Patienten diese negativen Nebenwirkungen. Sativex von GW Pharmaceuticals ist das erste in Europa zugelassene Medikament, welches zur ergänzenden Behandlung für spastische Muskellähmungen verwendet wird, die bei Multipler Sklerose auftreten. 1 ml Sativex -Spray enthält 27 mg THC und 25 mg CBD.

Doch die Wechselwirkung beider Cannabinoide scheint viel komplexer zu sein, als bisher angenommen wurde. In einer Studie aus dem Jahre 2018 konnte nachgewiesen werden, das CBD in einer geringen Konzentration die psychoaktive Wirkung von THC noch verstärken kann. Dies war überraschend und so nicht erwartet worden. Bei hoher CBD-Konzentration verringert sich hingegen erwartungsgemäß der psychische THC-Effekt. [1]

Eine weiter Studie belegt den Vorteil von THC-CBD-Extrakten gegen über reinen THC Extrakten bei der Schmerzlinderung. 177 Patienten mit krebsbedingten Schmerzen wurden CBD:THC Extrakte, THC-Extrakte oder Placebos verabreicht. Dabei konnte nachgewiesen werden, das das THC:CBD Extrakt signifikant bessere Wirkungen erzielt, als die Placebos oder die reine THC-Extrakte. [2]

Cannbidiol kann bestimmten Effekten von THC entgegenwirken
Eine hohe Konzentration von CBD mindert die psychoaktive Wirkung von THC
CBD-THC Extrakte wirken besser gegen Schmerzen

 

Entourage Effekt – Cannabinoide und Terpene

Neben den Phytocannabinoiden zählen Terpene zu den wichtigsten Bestandteilen in der Cannabispflanze. Es gibt mehr als 200 Arten von Terpenen im Hanf. Sie beeinflussen die organoleptischen Eigenschaften der Pflanze wie Farbe, Geruch, Aroma, Geschmack. Häufig vorkommende Terpene sind Limonen, Myrcen, Pinen, Eucalyptol, Alpha-Terpineol, Caryphyllen, Linalol, Cineol, Y-Terpinen, ß-Karyophyllen, Karyophyllenoxid, Nerolidol und Phytol

Terpene weisen an sich schon einen pharmakologischen Nutzen auf. Sie könne antiseptisch, antibakteriell, entzündungshemmend, angstlösend, entspannend oder antidepressiv wirken.

Ein besonderes Augenmerk in der einer Studie von Ethan B. Russo liegt auf den Wechselwirkungen von Phytocannabinoiden und Terpen. Bei Untersuchungen konnten Synergien bei der Behandlung von Schmerzen, Entzündungen, Depressionen, Angstzuständen, Sucht, Epilepsie, Krebs, Pilz- und Bakterieninfektionen nachgewiesen werden.

  • Russo konnte zum Beispiel in seine Forschungen belegen, dass Limonen und Linalool den positiven Effekt von THC für Alzheimer,- und Demenzpatienten steigern könnte.
  • CBD oder CBG und Limonen könnten in Kombination den Entourage Effekt bei der Behandlung von Depressionen erzeugen.
  • Linalool, Caryphyllen und Mycrene könnten die schlafsteigernde Wirkung von Cannabinoiden verstärken und somit gegen Schlaflosigkeit wirken.
  • Caryphyllen, Mycrene und Pinene können nützliche Synergien bei der Behandlung von Abhängigkeiten erzielen.
  • Limonen und CBD wirken synergetisch bei der Behandlung von Akne.
  • Zitrone (Limonen) als Gegenmittel einer THC-Überdosierung ist schon ein altes „Hausmittel“. Auch die Verwendung von Calamawurzeln (α-Pinen) als Mittel gegen Nebenwirkungen bedingt durch Überdosierung ist geschichtlich belegt. [3]
 

CBD und CBDA

CBDA kommt im Rohmaterial vom Cannabis vor und ist der saure Vorläufer von CBD. Durch Zuführung von Wärme wird mittels Decarboxylierung CBDA in CBD umgewandelt. Dies geschieht, weil hinsichtlich bekannt ist, das CBD gegenüber CBDA pharmakologisch das höher Potential hat. Das liegt auch daran, das Cannabidiolsäuren bisher als instabil angesehen wurden und daher bei der Entwicklung von Arzneimitteln unbrauchbar sind. Bis jetzt war das so.

Professor Raphael Mechoulam, Professor für medizinische Chemie an der Hebräischen Universität von Jerusalem (Israel) – auch bekannt als „Vater der Cannabisforschung“ war maßgeblich an der Entwicklung von Cannabidiolsäuremethylester (HU-580) beteiligt. Die Einführung dieser neuen, patentierten Verbindung (synthetische, vollständig stabile Cannabinoidmoleküle auf Säurebasis) löste eine Welle der Aufregung über die Zukunft des medizinischen Cannabis aus. Mechoulams jüngste Entdeckung beruht auf der Entwicklung einer Methode, mit der die Säuren so modifiziert werden können, dass sie stabil genug sind, um in großem Maßstab eingesetzt werden zu können. Dies öffnet die Tür für weitere pharmazeutische Experimente, erklärte der Professor. Mechoulam ist auch der Meinung, das CBDA eine pharmakologisch weit wirksamere Verbindung als CBD ist und konnte auch nachweisen, das HU-580 effektiver als CBDA bei Vorbeugung gegenüber vom Übelkeit oder Angst ist. [4]

Einige CBD Hersteller haben bereits CBD/CBDA Produkte in Ihrem Angebot. Dazu zählt zum Beispiel das CBD Öl Cannabigold Balance, welches 500mg CBD und 500mg CBDA kombiniert. CBD-Öle mit CBDA werden auch als RAW-Öle (Rohöle) bezeichnet.

CBDA ist die saure Form von CBD
CBDA kann pharmakologisch weit wirksamere Verbindung sein als CBD
Öle die CBDA enthalten werden als RAW (Roh) Öle bezeichnet

 

Entourage Effekt bei Vollspektrum Produkten

Betrachtet man die Angebote von Produkten mit Cannabisextrakten, finden wir welche die CBD-Isolate enthalten. Das heißt Cannabidiol wurde extrahiert und gereinigt, so das sich keine weiteren Substanzen in dem Konzentrat befinden. CBD-Isolate können auch synthetisch hergestellt werden. Aufgrund der Gesetzeslage in einigen europäischen Ländern, dürfen keine Produkte vertrieben werden, die aus Blüten oder Pflanzenteilen des Cannabispflanze hergestellt wurden. Hier kommen vor allem CBD-Isolate zum Einsatz.

Im Gegensatz dazu finden wir immer häufiger sogenannte Vollspektrum CBD-Öle. Vollspektrum bedeutet, das sich in den Extrakten die Gesamtheit der im Hanf vorkommenden Stoffe befindet.

Dazu gehören neben Cannabidiol weitere Cannabinoide wie z.Bsp. CBDA, CBG, CBN, CBDV oder Terpene, Flavonoide, Spurenelemente und Vitamine. Erfahrungsberichten von Anwendern zufolge, erzielen die Vollspektrum-Öle eine zum Teil höhere Wirkung, als CBD-Isolate. Die ist sicherlich auch auf den Entourage Effekt zurückzuführen, der durch die Wechselwirkung der einzelnen Substanzen hervorgerufen wird.

Vollspektrum bedeutet, das sich in den Extrakten die Gesamtheit der im Hanf vorkommenden Stoffe befindet.

Quellen:

[1] Solowij, N., Broyd, S., Greenwood, Lm. et al. Eine randomisierte kontrollierte Studie mit verdampftem Δ 9 -Tetrahydrocannabinol und Cannabidiol allein und in Kombination bei häufigen und seltenen Cannabiskonsumenten: akute Vergiftungseffekte. Eur Arch Psychiatry Clin Neurosci 269, 17–35 (2019). https://doi.org/10.1007/s00406-019-00978-2

[2] Multicenter, double-blind, randomized, placebo-controlled, parallel-group study of the efficacy, safety, and tolerability of THC:CBD extract and THC extract in patients with intractable cancer-related pain
Jeremy R Johnson 1, Mary Burnell-Nugent, Dominique Lossignol, Elena Doina Ganae-Motan, Richard Potts, Marie T Fallon

[3] Taming THC: potential cannabis synergy and phytocannabinoid‐terpenoid entourage effects
Ethan B Russo

[4] Cannabidiolic acid methyl ester, a stable synthetic analogue of cannabidiolic acid, can produce 5‐HT1A receptor‐mediated suppression of nausea and anxiety in rats
Roger G Pertwee Erin M Rock Kelsey Guenther Cheryl L Limebeer Lesley A Stevenson Christeene Haj Reem Smoum Linda A Parker Raphael Mechoulam

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